Isarmündung mit Blick nach Deggendorf
Blick vom Stadtwald Geiersberg auf Deggendorf (Ortsteile Deggenau und Fischerdorf)
Isarwelle Plattling bei Sonnenuntergang
Aktiv im Landkreis Deggendorf - Grattersdorf
Landratsamt Deggendorf - Ansicht Süden
Schloss Egg

Aufbruch jetzt! Niederbayern.

Niederbayerns Landräte gründen eigenen „Zukunftsrat“ – so titelte die Passauer Neue Presse (PNP) in ihrer Ausgabe vom 02. Februar 2011. In dem Artikel berichtete die Zeitung von den Anstrengungen der niederbayerischen Landräte, angesichts der demografischen Entwicklungen einen breiten Diskurs durch alle gesellschaftlichen Gruppen herbeizuführen. Im Rahmen eines Projektes (Aufbruch Jetzt! Niederbayern) wollten sie Ansätze entwickeln, um dem im Regierungsbezirk Niederbayern aktiv entgegen zu treten.

Gerade heute ist das Thema Demografie aktueller denn je. Wie aber kam es überhaupt zu der Initiative?

Für Christian Bernreiter, Landrat des Landkreises Deggendorf und Sprecher der niederbayerischen Landräte, ist das Thema Demografie schon seit längerem von erheblichem Interesse. In wenigen Worten umreißt er die Ausgangslage: „Anlässlich verschiedener Vorträge 2010 haben mich vor allem die Prognosen der demografischen Entwicklung ins Mark getroffen. Im Landkreis Deggendorf ist die Entwicklung zwar derzeit sehr positiv.“ Aber der Kern der Problematik sei eben nicht der Staus quo. Entscheidend seien die Aussichten der kommenden Jahre bis 2050. Der Anteil der 16 bis 19-Jährigen sinke dramatisch. Gravierender, weil ebenfalls stark sinkend, sei jedoch der Ausblick auf die Altergruppe der 19 bis 65-Jährigen, der erwerbsfähigen Bevölkerungsgruppe. Der Fachkräftemangel sei bereits heute evident. Bernreiter konstatiert demzufolge: „Da tat sich mir immer stärker werdend die Frage auf: Wie können wir uns dagegen stemmen?“

Der Entschluss, aktiv zu werden, ist deshalb schnell gefasst. Erste Sondierungsgespräche mit den Landräten Niederbayerns erfolgten noch im Jahr 2010 bei einer Tagung in Südböhmen. Der Beschluss zum gemeinsamen Handeln steht zum Ende des Jahres fest. Teilnehmen wollen alle Landkreise und kreisfreien Städte. Noch im Dezember loten sie die wissenschaftliche Begleitung durch Professor Herwig Birg und die Einbindung der Deenst GmbH, in personam Geschäftsführer Reinhard Loos, zur Analyse der verfügbaren demografischen Daten aus. Der offizielle Startschuss des Projektes erfolgt am 01.Februar 2011. Ziel sollte es auf der einen Seite sein, den demografischen Wandel und seine Auswirkungen spezifisch für die Region Niederbayern zu beschreiben. Auf der anderen Seite sollten praktische, lebensnahe Handlungsansätze zur Verbesserung der Situation eruiert und Forderungen an den Freistaat Bayern postuliert werden. Explizit nicht in Zusammenhang mit dem Projektstart fällt hingegen die Veröffentlichung der Empfehlungen des Zukunftsrates zu Beginn des Jahres 2011. „Das Projekt stellte eben keinen Gegenentwurf dar“, macht Bernreiter klar. „Die Empfehlungen haben eher als positiver Katalysator zum ohnehin bereits avisierten Projekt gewirkt.“

Die Ausgangslage

Wie umfangreich der Ansatz der in Auftrag gegebenen Studie ist, zeigt allein schon die Menge und die Herkunft der verwendeten Datensätze. Zum einen stammen sie aus den Datenbeständen der Bertelsmann Stiftung 2011 „Wegweiser Kommune – Bertelsmann Stiftung“, die die Deenst GmbH generiert. Aber auch Daten des Bayerischen Landesamtes für Statistik und Datenverarbeitung, der statistischen Ämter von Oberösterreich, Böhmen und Pilsen sowie regionale Datensätze über Pendlerstrukturen, Schulabschlüsse oder Wanderungsstatistiken flossen in die Studie mit ein.

Alle zusammen ergeben ein schwieriges und ernstzunehmendes Bild. Gleichwohl ist das Ergebnis innerhalb Niederbayerns differenziert. Denn im Betrachtungszeitraum der Studie von 2005 bis 2009 verbuchte der Regierungsbezirk, vom Landkreis Landshut abgesehen, eine umfassende rückläufige Bevölkerungsentwicklung. Besonders schwer betroffen sind die Landkreise Regen und Freyung-Grafenau. Die Daten zeichnen eine Entwicklung des Bevölkerungsstandes zwischen -7,5% und 6,9% innerhalb zweier Jahrzehnte (2006 bis 2025) nach. Die Gründe des Bevölkerungsschwunds sind mannigfaltig. So ist beispielsweise der Saldo zwischen Lebendgeborenen und Verstorbenen (natürlicher Saldo) andauernd negativ. Die Elternjahrgänge (Menschen in der Altersgruppe zwischen 23 und 36 Jahren) gehen in Niederbayern deutlich zurück, das heißt weniger potenzielle Eltern stehen zur Geburt von Kindern zur Verfügung. Dieser Trend ist anhaltend und führt zu rückläufigen Geburtenraten.

Hinzu kommt, dass die Bevölkerung und damit die Belegschaft in vielen Betrieben des Bezirks im Durchschnitt immer älter wird. Daten der Bertelsmann Stiftung zufolge wird die Bevölkerung in Niederbayern schneller altern, als dies für den Rest Deutschlands gilt.

Der Anteil der 45 – 65-Jährigen stieg im Beobachtungszeitraum von 25,5% auf 28,3 %; eine Trendumkehr lässt sich (auch bundesweit) nicht beobachten. Seit 2008 ist der Anteil der beiden älteren Altersjahrzehnte der potentiell Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung in Niederbayern höher als der Anteil der 25- bis 44jährigen.

Verstärkt werden daraus resultierende Effekte (z. B. Fachkräftemangel insbesondere an der Grenze zu Tschechien) noch durch sogenannte Bildungsmigration und berufsbedingte Wanderungsbewegungen in die Metropolregionen Bayerns. Gerade Personen im dritten Lebensjahrzehnt treibt es aufgrund des Berufs- oder Studienstarts in Regionen außerhalb Niederbayerns. Die Stadt München erzielte so von 2003 bis 2008 einen Wanderungsüberschuss von ca. 103.000 Einwohnern vor allem zu Lasten der Regierungsbezirke Niederbayern, Mittelfranken und Schwaben.

Dass der demografische Wandel für Niederbayern keine Singularität darstellt, zeigt sich an der Analyse der Daten umliegender Gebiete. So verfügt Oberbayern über einen positiven natürlichen Saldo und in den kommenden Jahren ist ein Bevölkerungsplus zu erwarten; dies auch aufgrund innerbayerischer Wanderungsbewegungen.

Die Oberpfalz weist dagegen einen abnehmenden natürlichen Saldo, aber geringe positive Wanderungszahlen auf. Außerhalb Deutschlands verzeichnen die Regionen Pilsen, Südböhmen und Oberösterreich eine steigende Bevölkerungszahl und positive Wanderungsbewegungen; allen Regionen ist jedoch gemein, dass auch ihre Bevölkerung im Durchschnitt altert.

Das Projekt

 Als Projektbeauftragter wird der Regionalmanager des Landkreises Deggendorf, Herbert Altmann, benannt. In den übrigen Landkreisen dienen deren Regionalmanager ebenfalls als koordinierende Elemente. Nachdem die Deenst GmbH die Bildung von Arbeitskreisen vorgeschlagen und inhaltlich konkretisiert hat, obliegt Altmann vor allem die Bildung und Betreuung der Arbeitskreise, die Terminüberwachung und die Zusammenführung der Arbeitsergebnisse. Eine nicht immer einfache Aufgabe, wie er selber lachend zugibt.

 Angereichert mit Workshops, die die Deenst GmbH unterstützend moderiert, entsteht so ein ergebnisoffenes Arbeiten, das alle wichtigen Tätigkeitsbereiche eines Landkreises umfasst. Für Geschäftsführer Loos hatte das Projekt unikalen Charakter: „Besonders spannend war, dass eine Region geschlossen zusammengearbeitet und andere Akteure mit eingebunden hat. Damit haben wir etwas in Gang gesetzt.“

Insgesamt werden acht Arbeitskreise (AK) mit einem entsprechenden Aufgabenprofil gebildet. In ihnen soll die Hauptarbeit geleistet werden.

In den Arbeitskreisen sind Vertreter unterschiedlichster Couleur engagiert. Neben Politikern nehmen Industrie und Handelskammern sowie ärztliche Verbände, Universitäten und Schulen, Kirchen und Hilfsorganisationen, Tourismusverbände sowie Kultur- und Sportinstitutionen Einfluss. Ihre fachspezifische, lebensnahe Expertise bereichert erheblich die geführten Dialoge und trägt zu der großen Praxisnähe der Ergebnisse bei.

 Insgesamt tagt jeder Arbeitskreis mindestens zwei Mal im Zeitraum von März bis Juni.

Eine Abstimmung der Zwischenergebnisse erfolgt regelmäßig unter Federführung des Landkreises Deggendorf, um Generalisierungen und Pauschalformulierungen zu vermeiden. Ziel sei es gewesen, so spezifisch als möglich zu sein, rekapituliert Altmann. Ergänzend dazu erfolgen regelmäßige Berichte im Rahmen der Landrätetagungen. Eine erste Zusammenführung der Ergebnisse auf Ebene der Arbeitskreise konnte daher bereits am 20./ 21. Mai 2011 erfolgen. Am 06. Juli trafen die Landräte zu ihrer Abschlussbesprechung zusammen und segneten das Gesamtergebnis ab, das am 18. Juli in einer großen Abschlussveranstaltung dem Ministerpräsidenten Horst Seehofer übergeben wurde. In der voll besetzten Deggendorfer Stadthalle versprach Seehofer, dass sich alle Ministerien mit dem Ergebnis auseinander zu setzen hätten. Gleichzeitig sicherte er die schnelle Umsetzung des Konzepts "Technik Plus" für die Universität Passau und FH Deggendorf zu.

Das Ergebnis

Diese Zusicherung ist nicht die einzige Errungenschaft des Projektes. Als Sprecher der niederbayerischen Landräte ist Bernreiter mit Ablauf und Ergebnis mehr als zufrieden. Entstanden ist ein umfangreiches wissenschaftlich fundiertes Studienwerk. Dabei haben sich drei Gruppen von Maßnahmen herauskristallisiert. Alle Handlungsansätze auf lokaler Ebene und die Forderungen an den Freistaat Bayern richten sich auf deren Umsetzung.

So haben die Bildungsregion und der Forschungsstandort Niederbayern mit dem erwähnten Konzept „Technik Plus“, der Weiterentwicklung des Technikzentrums Straubing und der Kooperation der Universität Passau und der HDU Deggendorf einen entscheidenden Impuls erhalten. Zudem liegt in den Ministerien eine Ausschreibung zu einem Lehrstuhl für Demografie in Deggendorf vor. Hinzu kommen auch die Bemühungen um die Erhaltung auch kleiner Schulstandorte sowie die Reduktion der Klassengrößen. Intensiviert wurde auch die Vernetzung von Handwerksbetrieben und anderen Wirtschaftsbetrieben mit Schulen und weiteren Bildungseinrichtungen.

Auf den Wirtschaftsstandort Niederbayern hat sich das Projekt durch die obigen Maßnahmen ebenfalls attraktivitätssteigernd ausgewirkt. Infrastrukturelle Bestandteile wie die Forcierung des Projekts E-Wald oder die Intensivierung des bereits bestehenden Breitbandausbaus stellen zusätzliche wesentliche Bausteine dar. Bereits damals existierende Projekte, wie die Europaregion Donau-Moldau erfuhren eine Konkretisierung (hier: Gründung des Trägervereins Europaregion Donau-Moldau e.V.). Auch konnte ein Kompromiss bezüglich des Ausbaus der Marzlinger Spange ins Leben gerufen werden.

Mithin konnte an den Stellschrauben des Länderfinanzausgleichs schrittweise justiert werden; neben der Suche nach strukturellen Ansätzen ist zunächst eine Verlängerung des Demografiefaktors von fünf auf zehn Jahre erfolgt.

Ein weiteres wichtiges Ergebnis ist der Umgang der Landkreise miteinander. Durch das gemeinsame Ringen um Lösungen existieren die Arbeitskreisstrukturen nach wie vor. Sie werden von ihren Mitgliedern weiterhin aktiv genutzt, um sich in den Themengebieten auch heute noch zu koordinieren. Auf diese Weise ist ein überregionales Netzwerk entstanden, das vorurteilsfrei und mit gefestigten Kommunikationstrukturen miteinander umgehen kann.

Ein Fazit

Die Zahlen der Studie und ihre Vorausberechnungen zeigen, dass auch in Bayern der demographische Wandel ein Thema ist, mit dem sich die handelnden Akteure vor Ort frühzeitig auseinandersetzen müssen. Neben der langfristigen Abnahme der Bevölkerung, die in einigen Regionen Bayerns schon seit Jahren in vollem Gange ist, stellt die Alterung der Bevölkerung das zweite Merkmal des demographischen Wandels dar. Selbst wenn einzelne Landkreise oder kreisfreie Städte deutlich höhere Wanderungsgewinne als in den vergangenen Jahren erzielen würden, könnte dieser Alterungsprozess der Bevölkerung nicht gestoppt, allenfalls abgemildert werden.

Niederbayern ist sicher auf einem guten Weg. Die Vorschläge der Arbeitskreise finden nach und nach Umsetzung. Die angestoßenen Projekte haben verbindlichen Charakter für alle Beteiligten und sind der Hausaufgabenkatalog, den jeder Landkreis zu erledigen hat. Sie erlauben zudem Visionen über den eigenen Tellerrand hinaus. Das schafft Vertrauen und Verlässlichkeit gegenüber allen Beteiligten und der Bevölkerung.

Übergabe der Ergebnisse durch Landrat Christian Bernreiter an Ministerpräsident Horst Seehofer
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